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  • Writer's picturekatjagschulz

Meine Chance, mein neues Leben und die roten Lippen


Glaube, Vertrauen & Ungerechtigkeit


Der rote Lippenstift stach hervor wie nichts anderes an der Rezeption. Ihr knalliger Mund war beinahe furchterregend ‒ nichts und niemand sollte sich dagegen behaupten können; viele verletzende Worte würden dort herauskommen. Das Ganze hatte bereits Geschichte, nur wusste ich es nicht.


Weder die schlichten Uniformen der anderen Mitarbeiter, welche höchstens hier und da ein Durchblitzen einer weißen Bluse oder eines weißen Hemdes zuließen, noch die Mitarbeiter selbst — die Menschen — waren in der Lage zu leuchten. Sie durften es nicht. Einzig und allein der grelle Lippenstift meiner Vorgesetzten sollte sich bis zum Ende von all der Nüchternheit drum herum abheben. Gesehen werden. Und überleben. So kam es mir zumindest vor.


Beim allerersten Treffen, meinem Vorstellungsgespräch Anfang Dezember, schrillte mir das fette Rot bereits entgegen und irritierte mich. Sie würde mich nicht mögen, diese Vorgesetzte. Sie würde mich nicht wollen ‒ das konnte ich sofort spüren; das sagte der Farbklecks mitten in ihrem Gesicht. Wie eine Warnfarbe saß er dort.


Sie hatte ihn immer gleich stark aufgetragen. Eine undurchsichtige Paste, die nicht das Geringste vom Echten durchschimmern ließ. Egal ob morgens, abends oder direkt nach dem Mittagessen, die Maske haftete stets gleich streng und das frische, jugendliche Rot lenkte geschickt von den Fältchen um ihren Mund herum ab. Auf beiden Seiten hingen bereits schwere Ansätze von schlaffen Hautsäcken und dennoch ließen ihre hellblauen Augen und die stubsige Nase darauf hindeuten, dass sie einst eine schöne Frau gewesen war. Äußerlich.


Die direkte Vorgesetzte wollte mich nicht in ihr Team aufnehmen. Es war jedoch meine zukünftige Chefin (ebenfalls die Chefin der Teamleiterin/direkten Vorgesetzten), die mich von Beginn an mochte. Sie war auch beim Vorstellungsgespräch im Dezember dabei gewesen und musste mich gesehen und geschätzt haben, genau so wie ich bin. Und sie war es gewesen, die die anfängliche Meinung der Teamleiterin ignorierte und stattdessen einen Schritt höher ging. Sie setzte sich für mich ein, marschierte bis zur ranghöchsten Person und ergatterte mir die Chance für ein zweites Interview. »Sie packen diese Herausforderung, davon bin ich überzeugt«, schrieb sie mir am Abend zuvor.


Ich bereitete mich nochmals sehr gut vor. Las noch mehr über das Unternehmen sowie über die ranghohe Person, die ich treffen würde. Alles Nützliche, was ich finden konnte, versuchte ich mir ganz genau einzuprägen.


Im Januar 2023 fing ich dann an der Rezeption im Team der Roten Lippen als Rezeptionistin an. Ich dachte, ich hatte es geschafft. Mein Schweiz‐Traum schien fast komplett. Ich brauchte nur noch eine B‐Bewilligung anstatt meiner G‐Bewilligung, aber die würde ich automatisch erhalten, sobald ich von Süddeutschland in die Schweiz umziehen würde. Nur eine Formsache also.


Und so befand ich mich am Beginn meines neuen Lebens. Die Furchtbarkeit meiner lebenseinschränkenden Zwänge war Vergangenheit.

Was habe ich in den letzten zehn Jahren daran gearbeitet, mich von dieser Scheiße zu befreien! In einem so starken Ausmaß, dass ich endlich leben, nicht nur existieren kann. Dass ich arbeiten kann, nicht nur Teilzeit, sondern Vollzeit. Und nun hatte ich die Belohnung für meinen Mut, aus England wegzuziehen und einen weiteren Neustart zu starten (im Alter von 46 Jahren), auf dem Silbertablett vor mir: einen wunderbaren Job in meiner geliebten Stadt Zürich, in meiner geliebten Schweiz, gleich neben dem See und den Bergen. Hurra! Und mein Neil, mein Mann, konnte nun auch aus England nachziehen. Seinen Familiennachzug würden wir schnellstmöglich beantragen (wegen Brexit darf er nicht unabhängig von mir ‒ einer EU‐Bürgerin ‒ in die Schweiz ziehen). Alles schien perfekt.


23 lange Monate hatte ich hierfür gearbeitet.


Ich begann, selbst Lippenstift aufzutragen. Für die gepflegte und professionelle Erscheinung. Für den Versuch eines Selbstbewusstseinsschub. Und für meine Vorgesetzte. Ich begann mit einem dezenten Rosa, denn eigentlich waren keine grellen Akzente erlaubt. Rote Fingernägel zum Beispiel durften wir auch nicht tragen. Warum knallrote Lippen im Gesicht meiner Vorgesetzten erlaubt waren, weiß ich nicht.


Am fünften Tag in meinem neuen Job, ein Freitag, stürmte ich am Nachmittag in eine der Toiletten und schloss mich dort ein. Ich hatte es nicht geschafft, meine Tränen noch länger zu unterdrücken. Zuerst war mir die Sprache von einem großen Kloß im Hals abgeklemmt worden. Dann war der Druck hinter meinen Augen fürchterlich angestiegen. Ich hatte gekämpft, wirklich gekämpft, denn niemand sollte mich weinen sehen. Und niemand, der in einem 5‐Sterne‐Establishment an der Rezeption arbeitet, darf weinen. Was würden die Leute nur denken …


Ich kniff die Augen fest zusammen, denn eigentlich wusste ich, dass auch Weinen auf der Toilette nicht gut war. Die Schminke um meine Augen herum würde ich dadurch versauen, mein Gesicht würde rot aufquellen. Und trotzdem ‒ nach ein paar Sekunden entspannte sich alles in mir und mir strömten die Tränen nur so über die Wangen.

»Manchmal sollte man erst nachdenken, bevor man fragt,« hatten die Grellen Roten Lippen vor ein paar Minuten zu mir an der Rezeption gesagt, wobei mir gleichzeitig mit einem Papier von hinten auf den Kopf gehauen wurde.


Als ob ich während dieser ersten Woche in meinem neuen Job, am fünften Tag, nachmittags, nicht bereits schon ganz viel nachgedacht hätte.


Zwei oder drei Tage zuvor (also an meinem zweiten oder dritten Tag), war ich bereits im Backoffice zur Seite gezogen worden: »Katja, du musst deine naive Art abstellen. Kannst du das?«

Ich starrte den schrillen Lippen entgegen. Heiß wurde es mir plötzlich unter meinem Anzug, wie so oft schon, vor allem in der ersten Woche, als ich vor Stress ins Schwitzen gekommen war. Was? Was für eine naive Art meinte sie? Meine Art? Die, die mich ausmachte?


Ich verstand ganz und gar und überhaupt nicht, was meine Vorgesetzte damit eigentlich meinte. Was genau war naiv an mir? Mein Umgang mit den Gästen und Besuchern? Was zum Teufel war daran naiv?


»Sag zuerst, wer du bist und begrüß erst dann die Person, wenn du jemanden im Haus anrufst. Nicht umgekehrt,« hatte sie mir auch schon nahegelegt. War die Reihenfolge, wie ich Dinge am Telefon sagte, naiv? Oder was war es sonst?


Ich hatte keine Ahnung. Und dennoch hatte ich den furchterregenden Lippen entgegen gelächelt, als sie mich fragten, ob ich meine naive Art ändern könne: »Ja, das kann ich.«

So war ich in der Lage gewesen, meine Tränen am zweiten oder dritten Tag der ersten Woche noch abzuwenden. Jedoch am fünften Tag, nachdem ich so viel Kritik hatte einkassieren müssen, die mir unter die Haut gegangen war, konnte ich dem Druck hinter meinen Augen nicht mehr standhalten.


Und so ging es weiter. Und weiter und weiter und weiter. Es ging sogar so weit, dass ich zu jeder Zeit Kritik erwartete, für was auch immer ich tat. Sogar dafür, dass ich vielleicht eine Schranktür an der falschen Stelle anfasste, wenn ich sie öffnen wollte. Oder dass ich mich auf die falsche Art und Weise am Kopf kratzte. Ich durfte ja nicht einmal meine Hand an der Seite meines Kopfes anlehnen, wenn ich am Front Desk etwas las und dabei nachdachte. Es wurde sofort als ´Rumhängen´ interpretiert.


Warum das so war ‒ warum meine Vorgesetzte es so auf mich abgesehen hatte ‒ weiß ich nicht. Möglicherweise hat sich mich benutzt, um ihren eigenen Druck ´von oben´ abzulassen. Vielleicht war ich ein Ventil für sie.

Es ist mir aber egal, warum dies so war. Fakt ist, es war nicht in Ordnung. Alles schien so ungerecht. So sehr ungerecht. Ich hatte doch niemandem etwas getan!


Schließlich griff ich selbst zu einem knalligeren, roten Lippenstift. Meine Vorgesetzte bemerkte und kommentierte es sofort: »Oh, heute hast du ja einen anderen Lippenstift. Sonst ist er doch immer rosa.«


In der Tram eines späten Abends auf dem Heimweg traf ich eine Kollegin. Sie arbeitete in einem anderen Team, nicht an der Rezeption. »Und, wie gefällt dir deine neue Stelle? Hast du dich gut eingelebt?«

Durfte ich die Wahrheit sagen? Ich tat es einfach. Und die Kollegin schien total verwundert, als ich ihr davon erzählte, dass ich hatte weinen müssen und dass mir meine Vorgesetzte mit einem Papier auf den Kopf gehauen hatte, weil ich eine ´dumme´ Frage gestellt hatte.

»Waaaaas? Die meinst du? Die mit den roten Lippen?«, fragte die Kollegin.

»Jawohl, genau die«, antwortete ich.

»Aber die ist doch immer so nett?!«

»Das ist nur ihr äußerer Schein. Wenn du wüsstest …«


Es machte mich besonders traurig, dass meine Vorgesetzte in der Lage war, mit Gästen, Besuchern und ihren Vorgesetzten professionell und vor allem höflich umzugehen. Sie wusste natürlich, wie man respektvoll miteinander umgeht. Schon allein der Beruf als RezeptionistIn bringt das mit sich; lehrt einen das! Doch mit mir konnte sie das nicht durchziehen. Immer und immer wieder kritisierte sie meine Art, machte Übertreibungen dabei, die mir unter die Haut gingen. So lange, bis ich nicht mehr konnte und aufgeben musste. Aus war mein Traum.


Das Arbeitslossein ist ohnehin schwer genug, jedoch ist es nun für mich besonders schwierig, denn ohne festen Job in der Schweiz bekomme ich keine B‐Bewilligung.


Erst kam die Trauer, vermischt mit Wut. Das Gefühl der Ungerechtigkeit nagte und nagt immer noch an mir. Außerdem ist da noch etwas anderes, warum ich nur schwer loslassen kann. Nach ein paar Wochen des Nachdenkens ist mir klar geworden, was das ist:


Meine Chefin.


»Sie packen diese Herausforderung, davon bin ich überzeugt.«


Hinter diesen Worten steckt aus meiner Perspektive viel: Glaube und Vertrauen.


Warum hat meine Chefin die Grellen Lippen ignoriert und ist den Rang hochmarschiert, um mich an dieser Rezeption einzustellen? Warum??


Hatte sie keinen anderen Kandidaten oder Kandidatin für diese Stelle? Niemanden, der es besser als ich machen könnte? Schließlich bin ich doch nur Quereinsteiger!

Die Sache mit den Roten Lippen hatte bereits vor mir Geschichte gemacht ‒ viele andere RezeptionistInnen waren vor mir gekommen und gegangen. Dass es wegen dieser Vorgesetzten war, wusste meine Chefin damals vielleicht aber gar nicht.

Warum hat sie mich einstellen wollen, gegen den Willen der Roten Lippen? Weil sie auf ihren Instinkt ‒ ihr Bauchgefühl ‒ gehört hatte? Weil sie keine/n Bessere/n finden konnte? Oder dachte sie wirklich, dass ich die geeignete Person für diesen Job war?


Wie dem auch sei ‒ und selbst wenn ich es etwas überbewerten sollten ‒, sie übernahm dennoch eine gewisse Verantwortung für ihren eigenen Glauben an mich, indem sie mit Überzeugung zu der ranghohen Person ging und sich für mich einsetzte!


Mein ganzes Leben lang hat niemand auf diese Art und Weise an mich geglaubt. Geschweige denn sich für mich eingesetzt. Niemand.

Ja, ich habe Menschen in der Vergangenheit überrascht, mehrmals sogar, mit dem, was ich geleistet habe. Im Sport, in der Schule, in alten Beziehungen und vielleicht auch in meiner Ehe. Doch das waren Reaktion auf Dinge, die ich unvorhergesehen gemeistert habe. Niemand hat jedoch jemals im Voraus an mich geglaubt, mir das Vertrauen geschenkt, dass ich nicht nur mir sondern auch der anderen Person gerecht werden kann.


Deshalb kann ich nicht loslassen.


Möglicherweise ist meine nun ehemalige Chefin enttäuscht von mir. Sie hat sich ja in mir geirrt, oder nicht? Denn ich war zu schwach für den Job; zu schwach für die Kritik, die ich erhielt. Die sich nicht mehr konstruktiv, sondern destruktiv anfühlte.


Doch das Vertrauen, das sie mir gegenüber aufgebaut und vertreten hat, hat ein unsichtbares Band zwischen ihr und mir gespannt. Sie mag es nicht sehen können, aber ich kann bzw. konnte es fühlen. Und jetzt ist dieses Band gerissen. Eine offene Wunde ist in meinem Herzen zurückgeblieben, die ich noch nicht weiß, wie genau ich sie flicken kann. Ähnlich wie nach einer Liebesbeziehung, nur ohne den romantisch‐sexuellen Teil, aber dennoch mit einer Art Liebe und Dankbarkeit. Und der Angst, sie enttäuscht zu haben; nicht gut genug gewesen zu sein.


Die Leute sagen, die Zeit heile alle Wunden. Ja, ich denke schon, dass dies auch hier der Fall sein wird. Irgendwann kann ich loslassen. Vielleicht sogar bald. Von dem Schmerz meines alten Jobs, meiner Ex‐Chefin und vor allem von den roten Lippen.


Auf in die Zukunft.

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