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Gibt es Hoffnung bei einer Zwangsstörung?




In dem Augenblick, als der Manager – mein Chef – zu mir sagte, dass er mich richtig anstellen wolle (bis dahin war ich nur Praktikantin gewesen), bekam ich am ganzen Körper eine Gänsehaut. So sehr, dass ich mich ‚schütteln‘ musste, um sie zum Verschwinden zu bringen. Doch es funktionierte nicht. Also rieb ich schnell mit den Händen über meine nackten Unterarme, um zu versuchen zu verbergen, was gerade passierte, aber der Blick des Managers war bereits gesenkt und so konnte er sehen, wir mir die kleinen Haare auf meiner Haut abstanden wie die Stacheln an einem Kaktus. Er hob die Augen wieder und dann weiteten sie sich, voller Überraschung, als sie auf meine trafen.


Ich hatte eine Reaktion, die sich von meiner Seele auf meinen Körper übertrug. Weil ich kaum glauben konnte, was gerade geschehen war: Dass mir eine richtige Stelle angeboten wurde; dass ich gewollt war; dass ich scheinbar gute Arbeit im Büro geleistet hatte, wo ich seit Sommer als Praktikantin tätig gewesen war. „Wir wollen dich behalten“, fügte mein Chef hinzu und so sahen meine Arme noch mehr wie stachelige Kakteen aus.


Was? Mich? Die ängstliche, unsichere Figur, die seit 2007 keinen Job gehabt und kein Geld verdient hatte, aufgrund einer fürchterlichen psychischen Erkrankung? Ja, so einengend und bedrückend war meine Zwangsstörung gewesen, dass ich sogar arbeitsunfähig geworden war?


Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit ich das letzte Mal einen bezahlten Job hatte. Fünfzehn lange Jahre hatte ich das Gefühl ertragen müssen, völlig nutzlos zu sein. Mein Mann versicherte mir stets, dass Letzteres nicht stimme, jedoch war es schwierig für mich gewesen, dieses Gefühl – diesen Glauben – abzuschütteln. Und plötzlich erhielt ich durch das Job-Angebot den scheinbar größten Ego-Schub, den es gibt.


„Ja, also, willst du hier überhaupt richtig arbeiten?“, fragte mein Chef, da ich nichts gesagt hatte, denn meine Worte steckten irgendwo am hinteren Ende meiner Zunge fest.


Was für eine Frage – natürlich wollte ich das. Konnte er das nicht an der Reaktion meiner Haut erkennen? 😉


Ich nickte und schließlich kehrten meine Worte zurück, sodass ich antworten konnte: „Das wäre fantastisch!"


Die Gänsehaut flammte später am Tag immer mal wieder auf, vor allem als ich mithörte, wie der Chef zu jemand anderes sagte: „Katja ist großartig, also stellen wir sie richtig ein.“


Du meine Güte!


Gibt es also Hoffnung bei einer Zwangsstörung? Vielleicht würde man das so sehen, wenn man bedenkt, dass ich 2006 bei meiner damaligen Arbeit dazu gedrängt wurde zu kündigen, weil ich nicht mehr gut genug und nicht mehr gewollt war. Damals war meine Zwangsstörung wirklich sehr, sehr schlimm.


Als mein Chef, hier in England, und ich dann den Arbeitsvertrag unterschrieben, fing ich beinahe an zu weinen. Ich sagte: „Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.“ Und wie sollte er auch – er wusste weder von meiner dunklen Vergangenheit, noch von meiner Zwangserkrankung.


Das war dieses Jahr im August.


Im August letzten Jahres war ich noch in Therapie. Über den NHS (National Health Service), hier in England, wurden mir 20 Sitzungen zugewiesen. Während es ewig gedauert hatte, bis sie anfingen (19 Monate hatte ich warten müssen), war ich am Ende dankbar, als es endlich losging. Ich erhielt Ratschläge und lernte Dinge, die mir dabei helfen sollten, an meinem geringen Selbstwertgefühl zu arbeiten. Ich lernte auch, wie man sich Selbstfürsorge und Selbstliebe zufügen kann und wie man sich im Allgemeinen gut um die eigene mentale Gesundheit kümmert. (In allen Aspekten brauche ich noch Übung!)


Interessanterweise erinnere ich mich noch daran, wie ich meine Therapeutin bitten musste, die Uhrzeit für den Therapiesitzungsbeginn von 10 Uhr auf 11 Uhr zu verschieben, obwohl ich diese Sitzungen über Video-Calls hatte und zu Hause bleiben konnte. Doch ich schaffte es vor etwas über einem Jahr noch nicht, früh genug aufzustehen. Ich war unmotiviert und meine Zwänge waren immer noch zu stark. Ich schaffte es einfach nicht, mich für 10 Uhr morgens rechtzeitig fertig zu machen und mich vor meinen Computerbildschirm zu setzen, um meine Therapeutin per Video-Call zu sprechen.


Jedoch, ein Jahr später, im August dieses Jahres, hatten sich einige Dinge verändert. Ich schaffte es frühzeitig aus dem Bett, konnte mich fertig machen und dann mit dem Rad zur Arbeit für einen 10-Uhr-Start fahren. Nicht einen einzigen Tag kam ich zu spät! 😊


Gibt es also Hoffnung bei einer Zwangsstörung? Ich habe in diesem Blogpost noch nicht einmal begonnen, über die 4 Stunden zu sprechen, die ich brauchte, um mich fertig zu machen und das Haus zu verlassen, als ich vor einigen Jahren in Paris lebte …


Die Tatsache, dass ich meinen Job schon wieder gekündigt habe, nicht lange nachdem ich richtig angestellt war, ist eine Geschichte für sich. (Ich wurde von einer meiner Kolleginnen gemobbt und weil ich nicht die Erste und nicht die Einzige war, der dies widerfuhr, entschied ich, dass ich meine mentale Gesundheit schützen musste und kündigte.)


Ohne Job gibt es nun dennoch keinen Grund zur Annahme, dass es keine Hoffnung gebe, denn das Ganze war der Auslöser für mich, im nächsten Monat das Vereinigte Königreich zu verlassen und nach Deutschland zu ziehen. Wer hätte das gedacht?!


Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass dies passieren würde, hätte ich denjenigen/diejenige angesichts der Art meiner Zwangsstörung für verrückt erklärt. 😉 Doch dann spürte ich bereits im letzten Jahr, dass sich eine Veränderung anbahnt. In mir wuchs der starke Wunsch, nach Zürich zurückzukehren. Ja, ich weiß, Zürich ist in der Schweiz, nicht in Deutschland, aber es ist einer der Orte, die ich für kontaminiert halte, weil meine Eltern dort waren, damals im Jahr 2007, zusammen mit mir.


Da Zürich die Heimat meines Herzens ist, habe ich letztes Jahr begonnen, stärker an meiner Zwangsstörung zu arbeiten (unter der Verwendung von ERP-Techniken, Tricks und Tipps zu Selbstliebe und Selbstfürsorge, ACT [Acceptance und Commitment-Therapie]). Zu Weihnachten 2021 fühlte ich mich dann bereit, nach Zürich zu reisen. Ich nannte mein ‚Projekt‘ The Grand ERP Trip und plante einen Spaziergang am Zürichsee, wo ich vor all den Jahren mit meinen Eltern gewesen war (falls es hier noch niemand weiß: meine eigenen Eltern sind meine Kontaminationsquelle).


Leider setzte Covid dieser Reise ein Ende. Wir konnten aufgrund zu vieler Einschränkungen nicht reisen. Aber mein Mann und ich schafften es stattdessen im März dieses Jahres, in Zürich anzukommen. Wir schlenderten den See hinunter und setzten uns sogar an sein Ufer, egal ob meine Eltern vor all den Jahren auf derselben Bank gesessen hatten oder nicht. Gibt es also Hoffnung bei einer Zwangsstörung?


Anders als früher, warf ich diesmal bei meiner Rückkehr aus einem verseuchten Ort (Zürich in diesem Fall) keine der Kleidung oder Habseligkeiten, die ich mitgenommen hatte, weg. Ich wusch mich auch nicht, um die Kontamination loszuwerden, sondern akzeptierte, dass ich sie mit in unsere Wohnung in England schleppte und dort weiter verteilte.


In nur wenigen Wochen werde ich nach Süddeutschland in die Nähe von Zürich ziehen und bin optimistisch, dort bald Arbeit zu finden, damit ich dort dauerhaft leben kann – in der ‚verseuchten‘, aber von mir so sehr geliebten Stadt. Ja, ich glaube, ich schaffe das.


Also noch einmal: Gibt es Hoffnung bei einer Zwangsstörung?


Nun, ich denke, die gibt es.


Falls dir dieser Blogpost gefallen hat, magst du vielleicht noch mehr über #Zwänge und mich lesen. Dazu kann ich meine Webseite empfehlen: www.katjagschulz.com

Vielen Dank für das Lesen dieses Blogposts und für deine Unterstützung!


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