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  • katjagschulz

Die Angst vor meinem eigenen Geburtstag




Diesen Freitag ist es wieder soweit. Ich habe Geburtstag und fürchte diesen Tag. Zumindest zu einem gewissen Grad.

Vielleicht bin ich eher melancholisch als ängstlich – ich weiß es nicht genau.


Als Kind war ich immer nur aufgeregt, Geburtstag zu haben. Wer ist/war das nicht! Die Aufregung hat über die Jahre natürlich abgenommen. Ich habe jetzt in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar keine Schlafprobleme mehr. 😉


Dafür liegt eine Art düstere Stimmung in der Luft – wie eine Wolke schwebt sie den ganzen Tag über mir. Oder vielleicht nicht den ganzen Tag, es kommt darauf an:


Wird sich ein Freund oder eine Freundin an meinem Geburtstag melden? Oder vielleicht eine Schwägerin? Wenn nicht, dann… ja, dann wird die dunkle Wolke verweilen.


In den vergangenen Jahren habe ich unzählige Male an meinem Geburtstag geweint. Richtig angefangen hat es 2014. Es war das erste Mal, dass ich an meinem Geburtstag nicht mit meiner Mutter telefoniert habe, weil ich im Sommer davor den Telefonkontakt zu ihr komplett abgebrochen hatte. (Falls es von Interesse ist, warum das so ist, würde die Lektüre meines Romans es erklären.) Mit meinem Vater habe ich sogar noch länger nicht mehr gesprochen.

Als ich ein Kind und Jugendliche (und eine junge Erwachsene) war, waren meine Eltern im Grunde die Hauptverantwortlichen dafür, dass sich meine Geburtstage gut anfühlten. Und meine Oma, als sie noch lebte!


An meinen letzten acht Geburtstagen habe ich nicht mit meinen Eltern gesprochen. Ich gehe mal davon aus, dass sie sich aber noch gut an mich erinnern und somit auch an meinem Geburtstag an mich denken. Meine Mutter zumindest, denn der Tag wird ihr bestimmt in Erinnerung bleiben. Nun, das hilft mir heutzutage aber nicht weiter. Ich bin meinen Eltern inzwischen so entfremdet, dass ich vielleicht nicht einmal merke, dass ich keine Glückwünsche mehr von ihnen bekomme. Oder vielleicht doch. Vielleicht tut es immer noch weh, kein »Alles Gute zum Geburtstag« durchs Telefon zu hören?


Letztes Jahr – an meinem ersten Geburtstag während dieser Pandemie – habe ich so schlimm wie lange nicht mehr an einem Geburtstag geweint. Während meine Eltern nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, mich anzurufen oder mir eine E-Mail zu schreiben, da sie weder meine Telefonnummer noch meine E-Mail-Adresse haben, haben einige Freunde und Bekannte die Möglichkeit. Und doch blieb mein Telefon letztes Jahr den ganzen Tag stumm und mein E-Mail-Postfach leer!


Nun, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerade erst Geburtstag hatten oder wenn Ihr Geburtstag noch ein halbes Jahr hin ist, dann mögen Sie vielleicht denken: »Ach was, so schlimm ist das doch nicht«. Und immerhin habe ich ja noch meinen Mann, stimmt’s? Ja, das stimmt. Und trotzdem fühlte ich mich letzten Januar schrecklich einsam, als niemand (außer meinem Mann) an meinem Geburtstag an mich dachte. Niemand.


Es war erstaunlich, wie sehr ich von diesem Gefühl zerrissen wurde. Vielleicht hat es mich sogar selbst ein bisschen überrascht, denn solange man nicht direkt drinsteckt, am eigentlichen Tag des Geburtstages, denkt man vielleicht nicht darüber nach, wie es sich denn wirklich anfühlt, wenn niemand an einen denkt.

Wann sonst im Jahr würden Sie hoffen, dass andere an Sie denken, wenn nicht an Ihrem Geburtstag?


Im letzten Jahr ging ich dann fünfzehn Minuten vor Ende meines Geburtstags zu Twitter. Betrübt verkündete ich, dass ich Geburtstag und scheinbar keine wirklichen Freunde habe.

(Ich denke oft genug, dass ich keine wahren Freunde habe, aber das liegt hauptsächlich daran, dass ich wegen meiner Zwangsstörung so viel herumgezogen bin – sogar regelmäßig von einem Land ins andere, worüber ich auch in meinem Buch geschrieben habe.)

Auf Twitter trafen Antworten ein. Glückwünsche und nette Worte. Hatte ich meinen eigenen Tag damit gerettet? Fünfzehn Minuten vor Schluss? Hatte ich mich gerettet?

Hatte ich mir etwas geholt, das ich so sehr haben wollte? Aufmerksamkeit? Zu viel Aufmerksamkeit vielleicht?

Mein Vater würde mir das sofort vorwerfen. Er hat mich vor langer Zeit »das Glühwürmchen« genannt, welches ein zu großes Bedürfnis an Aufmerksamkeit habe. Wirklich??


Vielleicht habe ich die Stimme meines Vaters so sehr verinnerlicht, dass ich mich sogar schuldig fühle, diesen Blogbeitrag geschrieben zu haben. Denn es ist klar, dass ich damit auf mich aufmerksam mache und es scheint, als ob ich bereits jetzt versuche, meinen eigenen Geburtstag zu retten, weil ich Angst vor dem Tag habe. Angst, dass mein Handy stumm und mein E-Mail-Postfach leer bleibt; Oder dass sich niemand in sozialen Medien an meinen Geburtstag erinnern wird (was natürlich wahrscheinlich ist). Ich fürchte, ich muss mich wieder der Wahrheit stellen: Auch an meinem Geburtstag spiele ich keine Rolle.


Und ich habe noch eine andere Angst: dass am Tag meiner Beerdigung niemand an meinem Grab stehen wird. Diese Vorstellung ist eine der schlimmsten überhaupt.

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